Kotwasser gehört zu den Themen, die uns in der Pferdepraxis immer wieder begegnen. Oft ziehen sich die Fälle über Monate, manchmal über Jahre. Die Besitzer sind genervt, Stallbetreiber ebenso, und für das Pferd ist die Situation selten wirklich „nur kosmetisch“. Hautreizungen, übler Geruch, ständiges Waschen und gelegentliche Begleitsymptome wie Kolikneigung oder Leistungseinbrüche machen Kotwasser zu einem echten Alltagsthema in der Praxis.

Muster erkennen, Dynamik verstehen - Einblicke aus der Praxis

Im ersten Teil dieses Blogs lag der Schwerpunkt auf der Mustererkennung: Milz-Qi-Mangel, Leber-Qi-Stagnation, Feuchtigkeit und Kälte, ergänzt um Nieren-Yang-Mangel, der besonders bei chronischen und älteren Pferden eine Rolle spielt.

In diesem zweiten Teil geht es darum, wie wir mit diesen Mustern praktisch arbeiten können – mit Akupunktur, begleitenden diätetischen Maßnahmen und einer realistischen Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen. Ergänzend stelle ich die Ergebnisse einer kleinen Fallserie von 18 Kotwasserpferden vor, wie sie im Rahmen meiner Facharbeit zur Verbandsprüfung entstanden ist.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf diätetischen und phytotherapeutischen Überlegungen, die in der Praxis eine zentrale Rolle spielen und stets im Kontext der individuellen Diagnose zu betrachten sind.

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Therapiestrategien: Vom Muster zur Behandlung

Wie bei jeder TCM‑Behandlung steht auch bei Kotwasser die Musterdiagnose am Anfang. Die schulmedizinische Abklärung ist dabei kein Gegenspieler, sondern eine sinnvolle Ergänzung: Zähne, Wurmstatus, Magen-Darm-Erkrankungen und Fütterung sollten im Rahmen der Möglichkeiten sauber beurteilt und behandelt bzw. optimiert sein. Die TCM setzt dann dort an, wo trotz dieser Maßnahmen ein Ungleichgewicht bestehen bleibt.

Für die Praxis hat sich eine Kombination aus Akupunktur und diätetischen Anpassungen bewährt. Phytotherapie kann ergänzend eingesetzt werden, wurde in meiner Facharbeit jedoch nicht systematisch ausgewertet und wird hier deshalb nur angerissen.

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Akupunktur: Schwerpunkte nach Muster

Die Akupunktur bei Kotwasser zielt im Kern darauf ab, die Mitte zu stärken, Feuchtigkeit zu transformieren und den freien Fluss von Qi wiederherzustellen. Die konkrete Punktwahl richtet sich nach dem dominierenden Muster, wie es in der Anamnese und klinischen Untersuchung sichtbar wird.

Beim Milz‑Qi‑Mangel stehen Punkte im Vordergrund, die die Erde stärken und die Transformationskraft der Mitte verbessern. In meiner Praxis haben sich insbesondere Milz 3, Magen 36 und der Shu‑Punkt der Milz (Blase 20) bewährt. Die Kombination aus Milz‑ und Magenpunkten unterstützt die Verdauung, stabilisiert den Qi‑Fluss im mittleren Erwärmer und hilft, Feuchtigkeit besser zu bewältigen.

Ist eine deutliche Leber‑Qi‑Stagnation beteiligt, kommen regulierende Punkte für den Holz‑Funktionskreis hinzu. Häufig nutze ich hier Leberpunkte, wie Leber 3 oder Leber 14 - gern in Kombination mit regulierenden Gallenblasenpunkten wie Gallenblase 41, um den Qi‑Fluss zu harmonisieren. Das Ziel ist nicht, „Symptome zu drücken“, sondern die Stauung im System zu lösen, damit die Milz überhaupt wieder arbeiten kann.

Bei Hinweisen auf Nieren‑Yang‑Mangel stehen tonisierende Punkte auf den Nieren‑ und Blasenleitbahnen sowie auf dem Du Mai im Fokus. In der Praxis bedeutet das, neben den klassischen Erd- und Leberpunkten gezielt Punkte wie Niere 3 oder entsprechende Shu‑Punkte im Lendenbereich einzubeziehen. Wärmende Techniken wie Moxibustion setze ich eher zurückhaltend und nur in ausgewählten Fällen ein. Gerade bei älteren, kälteempfindlichen Pferden mit langjährigem Kotwasser kann diese zusätzliche Wärmeunterstützung sinnvoll sein, muss aber immer individuell abgewogen werden.

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Diätetische und phytotherapeutische Möglichkeiten

In der praktischen Arbeit mit Kotwasserpferden zeigt sich immer wieder, dass die Akupunktur allein selten ausreicht, wenn die zugrunde liegenden diätetischen Faktoren unberücksichtigt bleiben. Die in Teil 1 beschriebenen Muster – insbesondere die Schwäche der Mitte, kombiniert mit Feuchtigkeit, Kälte oder Stagnation – werden maßgeblich durch Fütterung und Haltung beeinflusst und können durch diese ebenso stabilisiert wie verschärft werden.

Entscheidend ist dabei weniger das einzelne Futtermittel als dessen Einbettung in das Gesamtsystem. Selbst grundsätzlich geeignete Komponenten können im falschen Kontext die bestehende Dynamik verstärken. In mehreren Fällen zeigte sich beispielsweise, dass größere Mengen Möhren oder Äpfel bei geschwächter Mitte nicht unterstützend, sondern belastend wirkten. Bereits eine Reduktion führte hier zu einer spürbaren Stabilisierung.

Ein ähnlicher Effekt findet sich bei der Gabe zahlreicher Zusatzfuttermittel. Was gut gemeint ist, führt nicht selten zu einer Überlagerung der eigentlichen Problematik. Gerade bei chronischen Verläufen kann es sinnvoll sein, die Fütterung bewusst zu vereinfachen, um dem System überhaupt wieder die Möglichkeit zur Regulation zu geben.

Die Basis bleibt dabei unverändert das Raufutter. Qualität, Struktur und Fütterungssituation spielen eine zentrale Rolle. Feuchtes, verschmutztes oder vom Boden aufgenommenes Heu kann – insbesondere bei entsprechender Konstitution – Kälte und Feuchtigkeit in den Verdauungstrakt einbringen und damit die in der TCM beschriebenen Muster direkt verstärken. Auch der thermische Aspekt ist dabei nicht zu unterschätzen und zeigte sich in einzelnen Fällen als unmittelbarer Auslöser.

Neben der Fütterung wirkt auch das Management unmittelbar auf die Mitte. Fresspausen, Konkurrenzsituationen oder Stress bei der Futteraufnahme spiegeln sich häufig in einer Verschärfung der Symptomatik wider und stehen in direktem Zusammenhang mit den zuvor beschriebenen Leber-Milz-Dynamiken.

Phytotherapeutische Maßnahmen können die Behandlung sinnvoll ergänzen, wenn sie in diese Überlegungen eingebettet werden. Im Bereich der europäischen Pflanzen haben sich insbesondere solche bewährt, die die Mitte unterstützen, Feuchtigkeit regulieren oder Kälte ausgleichen, etwa Fenchel, Schafgarbe oder – bei entsprechender Indikation – Ingwer in kleinen Mengen. Sie wirken dabei nicht isoliert, sondern als Teil eines übergeordneten Behandlungskonzeptes.

Die chinesische Phytotherapie geht darüber hinaus einen Schritt weiter, indem sie mehrere Kräuter zu individuell angepassten Rezepturen kombiniert. Gerade bei Kotwasser finden sich häufig komplexe Mischbilder aus Mangel, Feuchtigkeit, Kälte, Hitze und Stagnation, die sich nicht standardisiert behandeln lassen. Entsprechend verzichte ich bewusst auf allgemeine Empfehlungen für konkrete Rezepturen.

In der praktischen Umsetzung ist zudem zu berücksichtigen, dass im Rahmen der geltenden rechtlichen Vorgaben ausschließlich fertige, zugelassene Kräutermischungen als Ergänzungsfuttermittel eingesetzt werden. Die Auswahl erfolgt auch hier stets auf Grundlage der individuellen Diagnose und orientiert sich an der zugrunde liegenden Dynamik.

Fallbeispiele

Die Fallserie umfasste 18 Pferde mit Kotwasser, bei denen eine TCM‑Diagnostik durchgeführt wurde. Ein Teil dieser Fälle wurde ausschließlich diagnostisch erfasst, sieben Pferde erhielten eine gezielte Akupunkturbehandlung mit begleitenden Fütterungsanpassungen. Im Folgenden einige Beispiele, die typische Muster und Verläufe illustrieren. Die Namen der Tiere sind weggelassen.

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Fall 1: Akutes Kotwasser nach nassem Futter – Kälte im Magen/Dickdarm

Ein Pferd entwickelte plötzlich Kotwasser und Durchfall, nachdem mitten im Winter die überdachte Futterraufe abgebaut worden war. Das in der TCM als neutral bis leicht kühl betrachtete Heu wurde durch Feuchtigkeit, Kälte und Schnee kalt.

Der Besitzer berichtete, dass das Tier zuvor unauffällig gewesen war und die Beschwerden abrupt eingesetzt hatten. Schulmedizinisch ergaben sich keine schwerwiegenden akuten Befunde, die Symptomatik wurde jedoch als deutlich belastend erlebt.

In der TCM‑Diagnose zeigte sich ein Muster von Kälte im Magen- und Dickdarmbereich vor dem Hintergrund einer bereits leicht geschwächten Mitte. Die Kombination aus kaltem, feuchtem Futter und Witterung hatte die Verdauung aus dem Gleichgewicht gebracht.

Mit Moxa auf Ren Mai 12 für 20 Minuten konnte der Stute sehr zügig geholfen werden. Ren 12 wurde bewusst als Einzelpunkt gewählt, um die Mitte direkt zu wärmen und eingedrungene Kälte auszuleiten, ohne zusätzliche Bewegung ins System zu bringen. Die Besserung trat rasch ein; das Kotwasser klang unter der Behandlung und der Fütterung im trockenen, warmen Stall innerhalb kürzester Zeit komplett ab.

Dieser Fall zeigt exemplarisch, wie stark äußere Kälte- und Feuchtigkeitsfaktoren – in Kombination mit Fütterung – die Verdauung kurzfristig entgleisen lassen können.

Fall 2: Wiederkehrendes Kotwasser mit Stressbezug – Leber Qi Stagnation auf Milz Basis

Ein anderes Pferd zeigte wiederkehrendes Kotwasser, das sich immer dann verschlechterte, wenn sich im Umfeld etwas änderte: Umstellung der Herde, Stallwechsel, intensivere Trainingsphasen. Die Besitzer beschrieben das Tier als sensibel und schnell erregbar, mit deutlich gespannter Muskulatur im Rücken- und Gurtbereich.

Die TCM‑Anamnese ergab ein klares Muster von Leber‑Qi‑Stagnation auf Basis eines Milz‑Qi‑Mangels. Die Milz war durch Fütterungs- und Haltungsfaktoren ohnehin nicht in Bestform, und die Leber verschärfte die Situation durch wiederkehrende Stauung in Stressphasen. Therapeutisch wurden Akupunkturpunkte gewählt, die Leber‑Qi regulieren und gleichzeitig die Mitte stärken. Zusätzlich wurden kleine, aber konsequente Anpassungen im Training und Management vorgenommen, zum Beispiel strukturiertere Abläufe und möglichst sanfte Übergänge bei Veränderungen.

Im Verlauf zeigte sich eine deutliche Besserung: Das Grundniveau des Kotwassers nahm ab, und die früher typischen „Stressspitzen“ mit massiver Verschlechterung blieben aus. Dieser Fall steht für die große Rolle, die Stress und Emotionsverarbeitung bei Kotwasser mitspielen können, und dafür, wie wichtig es ist, Leber- und Milzmuster zusammen zu betrachten.

Fall 3: Chronisches Kotwasser beim älteren Pferd – Milz Qi Mangel mit Nierenbeteiligung

Ein älteres Pferd hatte seit längerer Zeit Kotwasser, das über mehrere Jahreszeiten hinweg immer wieder aufflammte und in der kalten Jahreszeit besonders stark ausgeprägt war. Die Besitzer berichteten, dass das Pferd generell kälteempfindlich sei, sich gerne geschützte Stellen suche und in nass‑kalten Perioden steifer und weniger leistungsbereit wirke. Die schulmedizinische Abklärung zeigte keine unmittelbar behandlungsbedürftigen akuten Erkrankungen, das Gesamtbild entsprach eher einer altersbedingten Abnahme der Belastbarkeit.

Die TCM‑Diagnostik ergab ein Muster von Milz‑Qi‑Mangel mit sekundärem Nieren‑Yang‑Mangel. Die Mitte war geschwächt, Feuchtigkeit hatte sich über längere Zeit gehalten, und die Niere konnte das System nicht mehr ausreichend wärmen.

Die Behandlung fokussierte sich auf die Stabilisierung der Mitte und die Unterstützung des Nieren-Yang. Zum Einsatz kamen vor allem Bl 20 und Bl 23 in Kombination mit MP 3 sowie Ren 12. Ergänzend wurde Moxibustion eingesetzt, insbesondere über den Shu-Punkten von Milz und Niere sowie bei Bedarf über Ren 6, um gezielt Wärme in das System zu bringen.

Zusätzlich wurde der 3-Fach-Erwärmer als funktionelle Verteilungsebene berücksichtigt. Er spielt eine zentrale Rolle in der Regulation des Flüssigkeitshaushalts und der Wärmeverteilung im Körper. Bei chronischen Verläufen mit Kälte und Feuchtigkeit kann seine Unterstützung dazu beitragen, stagnierende Flüssigkeiten wieder in Bewegung zu bringen und die Verbindung zwischen oberem, mittlerem und unterem Erwärmer zu stabilisieren.

Hierfür wurden je nach Befund Punkte wie 3‑Fach‑Erwärmer 5 zur Regulation der Qi-Verteilung sowie Blase 22 als Shu-Punkt des San Jiao einbezogen.

Die Auswahl erfolgte zurückhaltend und in mehreren Behandlungen, um das System nicht zusätzlich zu belasten, sondern die vorhandenen Regulationsmechanismen sanft zu unterstützen.

Begleitend wurde auf möglichst trockene Liegeflächen, Zugluftschutz und eine dem Temperatur- und Wetterempfinden des Pferdes angepasste Eindeckung geachtet. In weiteren Behandlungen wurde die Stärkung des Systems fortgesetzt (u.a. mittels Du Mai 4 als zentrale Wärmekraft).

Unter dieser kombinierten Herangehensweise stabilisierte sich das Kotwasser deutlich. Vollständig symptomfrei war das Pferd nicht in allen Wetterlagen, jedoch wurden die Verschlechterungen in nass‑kalten Phasen deutlich milder und seltener. Dieser Fall verdeutlicht, wie wichtig es ist, bei chronischen Kotwasserpferden die Niere – und damit die konstitutionelle Wärmeversorgung – mitzudenken.

Die übrigen Fälle der Fallserie ordneten sich in Variationen dieser Grundmuster ein: milzdominierte Konstitutionen mit Feuchtigkeitsneigung, häufig kombiniert mit Leber‑Qi‑Stagnation, und bei langjährigen Verläufen zunehmend auch mit Nieren‑Yang‑Aspekten. Die Behandlung orientierte sich jeweils am individuellen Muster, mit Akupunktur als zentralem Werkzeug und diätetischen Anpassungen als fundamentaler Begleitung.

Infobox: Fallserie – 18 Pferde mit Kotwasser

Grundlage ist die TCM-Diagnostik und Akupunkturbehandlung im Rahmen der Fallstudie.

Stichprobe

  • Gesamtzahl Pferde mit Kotwasser: 18

Häufige TCM-Muster

  • Milz‑Qi‑Mangel: bei der großen Mehrheit der Fälle
  • Leber‑Qi‑Stagnation (meist kombiniert mit Milz‑Qi‑Mangel): häufig
  • Hinweise auf Nieren‑Yang‑Mangel: in mehreren Fällen, vor allem bei älteren bzw. chronischen Verläufen

(Die Fallzahl ist für eine exakte prozentuale Auswertung zu klein; erkennbar ist aber eine deutliche Schwerpunktbildung im Bereich Erde/Holz, mit zunehmender Nierenbeteiligung bei langjährigen Verläufen.)

Informationen zum Autor:

Robin Hoyer ist verbandsgeprüfter Tierheilpraktiker und spezialisiert auf Traditionelle Chinesische Medizin für Tiere, Akupunktur, Farblichttherapie sowie westliche und chinesische Phytotherapie.

Bei Sarah Mergen unterrichtet er im Labor- und Praktischen Untersuchungsseminar der Tierheilpraktikerausbildung sowie im Bereich TCM für Tiere. Mit seiner langjährigen Erfahrung, seinem analytischen Blick und seiner humorvollen, praxisnahen Art vermittelt er Wissen verständlich und schafft wertvolle Aha-Momente.

Mehr über Robin Hoyer gibt es auf seiner Website.