Kotwasser gehört zu den Themen, die uns in der Pferdepraxis immer wieder begegnen. Oft ziehen sich die Fälle über Monate, manchmal über Jahre. Die Besitzer sind genervt, Stallbetreiber ebenso, und für das Pferd ist die Situation selten wirklich „nur kosmetisch“. Hautreizungen, übler Geruch, ständiges Waschen und gelegentliche Begleitsymptome wie Kolikneigung oder Leistungseinbrüche machen Kotwasser zu einem echten Alltagsthema in der Praxis.

Das Thema dieses Artikels ist ursprünglich im Rahmen meiner Facharbeit für die Verbandsprüfung zum Tierheilpraktiker mit Schwerpunkt TCM entstanden. Der Ausgangspunkt war die Frage, warum uns gerade Kotwasser in der Praxis so häufig begegnet, warum viele schulmedizinische Maßnahmen nur begrenzt greifen und wie wir mit den Mitteln der TCM sinnvoll und zielgerichtet unterstützen können. Die Arbeit hat sich dabei von Anfang an stark an der gelebten Praxis orientiert – mit einem theoretischen Teil, aber vor allem mit einer kleinen Fallserie und der Auswertung typischer Muster, wie sie uns am Stall tatsächlich begegnen.

Hinzu kommt, dass Kotwasser häufig „zwischen allen Stühlen“ sitzt: Weder ist es ein klassischer Durchfall, noch lässt sich immer eine klare organische Ursache finden. Viele Pferde werden wiederholt entwurmt, bekommen Zusatzfuttermittel für die Darmflora, die Fütterung wird umgestellt – und doch bleibt das Problem bestehen. In einigen Fällen verbessert sich der Zustand kurzzeitig, um beim nächsten Futter- oder Witterungswechsel erneut aufflammend präsent zu sein. Für uns Praktiker bedeutet das: viel Beratungsaufwand, häufige Kontrolltermine und ein hoher Erwartungsdruck seitens der Besitzer.

Aus schulmedizinischer Sicht ist Kotwasser inzwischen recht gut beschrieben, aber noch längst nicht abschließend verstanden. Es gibt zahlreiche Hypothesen und Empfehlungen – von Fütterungsanpassung über Stressreduktion bis hin zu Zusatzfuttermitteln. In der praktischen Arbeit erleben wir jedoch immer wieder Pferde, bei denen trotz konsequenter Umsetzung der gängigen Empfehlungen das Kotwasser bestehen bleibt. An diesem Punkt lohnt sich der Blick durch die TCM-Brille: weg vom einzelnen Symptom, hin zum Muster im Gesamtorganismus.

In diesem ersten Teil geht es darum, die typischen TCM-Muster hinter Kotwasser zu beleuchten und zu zeigen, wie wir diese in der Praxis erkennen können. Der Schwerpunkt liegt bewusst auf der Alltagstauglichkeit, nicht auf Lehrbuchvollständigkeit. Der zweite Teil wird die therapeutischen Konsequenzen, Akupunktur- und Phytotherapiestrategien sowie Fallbeispiele aus der Praxis in den Mittelpunkt stellen.

Image

Schulmedizinische Sicht – der Rahmen, nicht der Schwerpunkt

Schulmedizinisch wird Kotwasser als multifaktorielles Geschehen verstanden. Eine Rolle spielen vor allem Fütterung und Futterqualität, Haltungsbedingungen, Rang- und Fressplatzstress, Veränderungen der Darmflora sowie begleitende Probleme wie Zähne, Magen-Darm-Erkrankungen oder Parasitenbefall.

In vielen Ställen lassen sich typische Konstellationen beobachten: Pferde, die wenig Zugang zu qualitativ gutem Raufutter haben, Tiere am unteren Ende der Rangordnung, oder Pferde, die im Offenstall starken Witterungseinflüssen ausgesetzt sind. Hinzu kommen nicht selten latent vorhandene Magenprobleme oder Zahnprobleme, die die Futteraufnahme und Vorverdauung beeinträchtigen. All dies kann zu einer veränderten Fermentation im Dickdarm beitragen und Kotwasser begünstigen.

Auffällig ist jedoch, dass unter vermeintlich gleichen Bedingungen nicht jedes Pferd Kotwasser entwickelt. In mancher Offenstallgruppe sind ein oder zwei Tiere betroffen, die Gruppe daneben bleibt unauffällig. Das legt nahe, dass die individuelle Konstitution und die Art, wie das Pferd Belastungen verarbeitet, entscheidend sind. Genau dort setzt die TCM an: Sie fragt, welche Funktionskreise aus dem Gleichgewicht geraten sind und warum ein bestimmtes Pferd auf die vorhandenen äußeren Einflüsse besonders empfindlich reagiert.

Image

TCM-Perspektive: Kotwasser als Ausdruck von Musterstörungen

In der TCM verstehen wir Kotwasser nicht als eigenständige Erkrankung, sondern als Ausdruck einer Störung im Zusammenspiel von Qi, Blut, Körperflüssigkeiten und den Zang-Fu-Funktionskreisen. Bei Kotwasser treten in der Praxis immer wieder ähnliche Musterkonstellationen auf, vor allem im Bereich von Milz, Leber und Niere, meist vor dem Hintergrund von Feuchtigkeit und Kälte.

Die folgenden Musterbeschreibungen orientieren sich nicht an der Vollständigkeit klassischer Lehrbücher, sondern an dem, was sich in der praktischen Arbeit mit Kotwasserpferden tatsächlich immer wieder zeigt. Sie sollen helfen, typische „Pferdebilder“ vor Augen zu haben, wenn wir am Stall stehen.

Image

Milz-Qi-Mangel – das häufigste Grundmuster

Die Milz ist verantwortlich für die Umwandlung und den Transport von Nahrung und Flüssigkeiten. Ist ihr Qi geschwächt, kommt es leicht zu Feuchtigkeit, und die Trennung von klaren und trüben Anteilen gelingt nicht mehr zuverlässig. Für uns in der Praxis zeigt sich das häufig bei Pferden, die insgesamt einen weichen Eindruck machen: weiche Muskulatur, etwas „schwammig“ im Gewebe, nicht unbedingt stark abgemagert, aber auch nicht klar durchtrainiert.

Der Kot ist oft geformt, wird aber von wässrigen Anteilen begleitet. Manche Besitzer berichten, dass „erst die Äpfel kommen und dann noch eine Ladung Wasser hinterher“. Blähungen, wechselnde Kotkonsistenz und eine eher mäßige Leistungsbereitschaft passen gut in dieses Bild. Viele dieser Pferde reagieren empfindlich auf Futterwechsel oder schwankende Heuqualität. Nicht selten fällt auf, dass sie bei sehr energiereichem Futter oder großen Kraftfuttermengen eher „aufgehen“ und träger werden, statt an tragender Muskulatur zuzulegen.

Feuchte, kalte Haltungsbedingungen – matschige Ausläufe, wenig trockene Liegeflächen, dauerfeuchte Unterstände – verstärken das Muster zusätzlich. Die Milz mag es warm und trocken. Muss sie dauerhaft gegen Kälte und Feuchtigkeit „anarbeiten“, wird ihr Qi weiter geschwächt. In der Folge verschlechtert sich das Kotwasser, insbesondere in nass-kalten Jahreszeiten.

In Kotwasserfällen begegnet uns der Milz-Qi-Mangel so häufig, dass er fast als Grundlage vieler Muster gesehen werden kann. Dennoch ist er selten das einzige Problem. Häufig finden wir ihn kombiniert mit anderen Funktionskreisen, allen voran der Leber.

Leber-Qi-Stagnation – Stress schlägt auf den Darm

Die Leber sorgt dafür, dass Qi frei fließen kann. Emotionale Belastung, Frustration, mangelnde Bewegungsmöglichkeit oder ungünstige Trainingsbedingungen führen rasch zu einer Leber-Qi-Stagnation. Diese äußert sich nicht nur im Verhalten, sondern wirkt direkt auf Milz und Verdauung.

Viele Kotwasserpferde mit Leberbeteiligung zeigen ein eher reagibles, spanniges Verhalten. Sie sind schnell „oben“, reagieren sensibel auf Umweltreize, und ihre Muskulatur – insbesondere im Rücken- und Gurtlagenbereich – wirkt oft angespannt. Für den Praktiker ist auffällig, dass sich das Kotwasser in Stressphasen deutlich verschlechtert: nach einem Stall- oder Herdenwechsel, bei neuen Herdenkonstellationen, während intensiver Trainingsphasen oder vor und nach Transporten. Manche Besitzer berichten sogar, dass das Kotwasser „wie auf Knopfdruck“ zurückkehrt, sobald sich im Umfeld des Pferdes etwas ändert.

In solchen Fällen finden wir meist eine Kombination aus Leber-Qi-Stagnation und Milz-Qi-Schwäche. Die Leber blockiert den freien Fluss, die Milz kann unter dieser Belastung ihre Aufgabe nicht mehr voll erfüllen. Verdauung und Flüssigkeitshaushalt geraten aus dem Takt, und Kotwasser ist ein sichtbarer Ausdruck dieser Dysbalance. In meiner Fallserie zeigten sich Leber-Milz-Kombinationen besonders häufig – eine Beobachtung, die sich gut mit dem Praxisalltag deckt.

Feuchtigkeit und Kälte – der Einfluss der Umgebung

Kotwasser zeigt deutlich, wie stark äußere klimatische Einflüsse mit inneren Mustern zusammenspielen. In vielen Ställen häufen sich die Fälle in nass-kalten Jahreszeiten. Lange Regenphasen, matschige Ausläufe und wenig trockene, windgeschützte Liegeflächen führen dazu, dass Pferde dauerhaft Feuchtigkeit und Kälte ausgesetzt sind. Offenstallkonzepte mit gutem Ansatz geraten hier manchmal an ihre Grenzen, wenn der Untergrund und die Überdachung nicht ausreichend durchdacht sind.

Pferde, die ohnehin eine Tendenz zur Milz-Schwäche mitbringen, reagieren auf solche Bedingungen besonders empfindlich. Hinzu kommt, dass Kälte und Feuchtigkeit von außen über die Zeit auch den Yang-Aspekt der Niere belasten. Was zunächst „nur“ wie ein milzbetontes Verdauungsthema aussieht, entwickelt sich bei chronischer Belastung zu einer tiefer liegenden konstitutionellen Problematik. Spätestens dann reicht es nicht mehr, nur milzstärkend zu arbeiten; das Nieren-Yang muss mit in die Betrachtung einbezogen werden.

Nieren-Yang-Mangel – das stille Muster im Hintergrund

und Antriebskraft, die auch für Verdauung und Flüssigkeitshaushalt benötigt wird. Im Zusammenhang mit Kotwasser wird die Niere häufig unterschätzt. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass gerade ältere Pferde oder chronische Fälle Zeichen eines Nieren-Yang-Mangels aufweisen.

Diese Pferde wirken oft insgesamt etwas „langsamer“ im Stoffwechsel. Sie sind kälteempfindlich, stehen gerne in der Sonne oder an windgeschützten Plätzen und reagieren deutlich auf feuchtes, kaltes Wetter. Nicht selten fallen muskuläre Spannungen oder Berührungsempfindlichkeiten im Lenden- und Nierenbereich auf. Das Kotwasser ist hier eher chronisch, mit klarer Verschlechterung in der nass-kalten Jahreszeit, während es im Sommer vorübergehend etwas besser erscheinen kann – ohne ganz zu verschwinden.

Aus TCM-Sicht fehlt bei diesen Pferden die innere Wärme, um Feuchtigkeit ausreichend zu transformieren. Milz und Darm sind ohne die Unterstützung des Nieren-Yang überfordert. Die Trennung der Flüssigkeiten gelingt nicht mehr zuverlässig: Der Kot bleibt geformt, das Wasser wird aber nicht gehalten und tritt als Kotwasser in Erscheinung.

In der Praxis lohnt es sich, bei therapieresistenten oder langjährigen Kotwasserfällen gezielt nach Nieren-Yang-Zeichen zu suchen, insbesondere bei älteren Pferden oder solchen mit allgemein verlangsamter Regeneration. Häufig zeigt sich, dass milzstärkende Maßnahmen alleine nur begrenzt greifen, während die Einbeziehung des Nieren-Yang einen deutlichen Unterschied macht.

Musterkombinationen in der Praxis

In meinen 18 untersuchten Fällen zeigte sich, was viele Kolleginnen und Kollegen ebenfalls beobachten: Reine Einzelmuster sind die Ausnahme. Am häufigsten war eine Kombination von Leber- und Milz-Beteiligung, also eine Leber-Qi-Stagnation auf Basis eines Milz-Qi-Mangels. Je länger das Problem besteht und je stärker das Pferd mit Kälte und Feuchtigkeit zu tun hat, desto häufiger finden sich zusätzlich Zeichen einer Nierenbeteiligung, insbesondere in Richtung Nieren-Yang-Mangel.

Für die Praxis bedeutet das, dass wir weniger nach „dem einen richtigen Muster“ suchen, sondern die Gewichte sinnvoll verteilen. Steht das Milz-Qi im Vordergrund, oder ist die Leber mit ihrem Stressanteil dominanter? Gibt es Hinweise darauf, dass das Nieren-Yang bereits nachgelassen hat? Diese Einschätzung ist später entscheidend dafür, welche Akzente wir in der Akupunktur und Phytotherapie setzen.

Image

Diagnostik aus TCM-Sicht: Vorgehen im Alltag

In der TCM-Diagnostik bei Kotwasser steht eine gründliche Anamnese im Vordergrund. Neben Beginn und Verlauf des Kotwassers sind vor allem jahreszeitliche Schwankungen, Zusammenhänge mit Stall-, Herden- oder Futterwechseln sowie Begleitsymptome interessant: wiederkehrende Koliken, offensichtliche oder vermutete Magenprobleme, Veränderungen der Leistungsbereitschaft, Haut- und Hufqualität, Verhaltensauffälligkeiten.

Der körperliche Eindruck liefert weitere Hinweise. Konstitution, Muskulatur, Allgemeinzustand, Fell und Hufe geben – kombiniert mit dem Rückenbefund, insbesondere im thorakolumbalen und lumbosakralen Bereich – oft schon eine klare Richtung vor. Viele Kolleginnen und Kollegen erleben es ähnlich: Bereits beim ersten Ansehen eines Pferdes am Paddock entsteht ein Bauchgefühl, ob eher ein „Milzpferd“, ein „Leberpferd“ oder ein „Nierenpferd“ vor uns steht. Zunge und Puls, sofern in der jeweiligen Situation praktikabel, ergänzen dieses Bild und helfen, das subjektive Gefühl zu objektivieren.

In der Summe ergibt sich so ein individuelles Musterprofil. Kotwasser wird damit nicht als isoliertes Darmproblem gesehen, sondern als sichtbare Spitze eines tiefer liegenden Ungleichgewichts, das mehrere Funktionskreise umfasst. Genau hier setzt dann im zweiten Teil dieser Artikelserie die Therapie an, der bald erscheint.

Schulmedizinischer Überblick zu Kotwasser

Kotwasser ist ein häufiges, aber noch nicht vollständig verstandenes Symptom beim Pferd. Aus schulmedizinischer Sicht gelten vor allem Fütterung, Haltungsbedingungen, Stress und Begleiterkrankungen als wesentliche Faktoren. Diskutiert werden unter anderem die Qualität und Struktur des Raufutters, der Einsatz von Silage, Stärke- und Zuckergehalt der Ration, Fressplatzkonflikte in der Gruppenhaltung, Veränderungen der Darmflora sowie Magenprobleme, Zahnprobleme oder Parasitenbefall.

In der Praxis werden vor allem die Optimierung der Fütterung und Haltung, der Einsatz von Ergänzungsfuttermitteln zur Unterstützung der Darmflora sowie die Behandlung von Grunderkrankungen empfohlen. Viele Pferde profitieren davon deutlich. Ein Teil der Kotwasserfälle bleibt jedoch trotz sorgfältiger Umsetzung dieser Maßnahmen bestehen. Diese therapieresistenten oder immer wiederkehrenden Fälle sind aus TCM-Sicht besonders interessant, weil sie darauf hinweisen, dass nicht nur äußere Faktoren, sondern auch individuelle Muster im Organismus eine zentrale Rolle spielen. Genau hier setzt die TCM mit ihrer Musterdiagnostik und den darauf abgestimmten Therapieansätzen an.

Informationen zum Autor:

Robin Hoyer ist verbandsgeprüfter Tierheilpraktiker und spezialisiert auf Traditionelle Chinesische Medizin für Tiere, Akupunktur, Farblichttherapie sowie westliche und chinesische Phytotherapie.

Bei Sarah Mergen unterrichtet er im Labor- und Praktischen Untersuchungsseminar der Tierheilpraktikerausbildung sowie im Bereich TCM für Tiere. Mit seiner langjährigen Erfahrung, seinem analytischen Blick und seiner humorvollen, praxisnahen Art vermittelt er Wissen verständlich und schafft wertvolle Aha-Momente.

Mehr über Robin Hoyer gibt es auf seiner Website.